(Aus der Kolumne "Was ich so denk". Erschienen am 22.05.2010 in den Tageszeitungen „Amberger Zeitung“, „Sulzbach-Rosenberger Zeitung“ und „Der neue Tag“)
Das Imperium Google (spricht sich wie Guglhupf ohne hupf, ist aber wesentlich unharmloser) hat fahrbare Datenstaubsauger erfunden, die wie Straßenkehrmaschinen weltweit durch die Straßen fahren und jedes Informationsstaubkorn aufsaugen, das ihnen vor den Rüssel kommt.
Es sind dunkle Autos mit einer Art Vogelfutterhäuschen auf dem Dach. Die Vögel fehlen, weil das Vogelfutter fehlt. Diese Futterstellen funktionieren nämlich genau anders herum: Hier müssen die Häuschen gefüttert werden. Lediglich mit Fotos – sagt zumindest Google. Die putzigen Rundumkameras auf den Fahrzeugdächern seien im Grund so einfach aufgebaut wie ein Passbildautomat im Bahnhof ohne Bahnhof und man könne damit nur ein paar nette Bildchen machen. Mehr nicht.
Mit Verlaub, verehrter großer Google-Bruder, aber deine Fotoapparate erinnern ein bisschen an „Krieg der Sterne“. Irgendwie weht den Dingern ein Hauch vom Todesstern aus Star Wars voraus. Und der konnte bekanntlich mehr als Fotografieren.
Die visuelle Straßensammlung ist laut Google aber vollkommen unspektakulär und nennt sich daher auch ganz einfach Street View. Das ist Englisch. Es bedeutet so viel wie „Straßenansicht“. Straßenansichten haben es so an sich, dass sich bei der Ansicht der Straße auch andere An- oder Einsichten auftun können. An Straßen gibt es nämlich neben Häusern auch Menschen, die – je nachdem was es gerade ist – das, was sie tun, vor oder in den Häusern machen.
Das können auch Dinge sein, bei denen man sich nicht so gerne zusehen lässt. Wenn nun ein Google-Vogelhäuschen beim Wohnungsfenster herein filmt, während sich drinnen zum Beispiel ein romantisches Schäferstündchen abspielt, dann kann das wegen der Kameraperspektive hernach im Google veröffentlicht vollkommen unromantisch aussehen.
So wird aus Street View schnell Home View, also Heimeinsicht, sehr interessant! Jetzt bekommt dieser Google-Schnorchel immer mehr den Beigeschmack eines Darm-Endoskops. Das ist so ein Schlauch, den der Internist durch den – na ja Sie wissen schon – von hinten in den Patienten einführt.
Beherrscht die Googlekrake auch noch die PC View und gewinnt Einblick in den heimischen Computer, dann können (rein versehentlich, versteht sich) schon mal ein paar harmlose Zusatzdätchen mit abgesaugt werden: Duschvideos der Freundin, Drohbriefe wegen nicht bezahlter Alimente, Schnappschüsse vom letzten WLAN-Party-Besäufnis, Tagebücher aus Aufenthalten in der Irrenanstalt, Traumaufzeichnungen einschließlich der erotischen, Auflistungen von nicht dem Finanzamt gemeldeten Einnahmen, Namen von Ermordeten usw., halt lauter so schnuckelige Intimitäten, die man als Otto Normalverbraucher daheim auf Lager hat.
Wenn das alles erst im Google ist – o Mann, das gibt Zugriffszahlen! So kann man über Nacht berühmt werden. Sollte der Veröffentlichte, aus welchen Gründen auch immer, Selbstmordgedanken hegen, dann empfiehlt sich Google für einen Live-Mitschnitt. „Mitten aus dem Leben gegriffen“ lautet die Google-Devise. Daher der Tipp für Betroffene von Google: Gib die Kugel im Google!


