(Aus der Kolumne "Was ich so denk". Erschienen am 20.03.2010 in den Tageszeitungen „Amberger Zeitung“, „Sulzbach-Rosenberger Zeitung“ und „Der neue Tag“)
Leute, die zur Fastnacht Reden halten, heißt man Büttenredner. Mit dem Prediger in der Kirchenkanzel haben sie bloß die Bütt’ gemeinsam, also diesen bierfassähnlichen Unterleibsschutz, aus dessen Deckung heraus die alten Prediger von echtem Schrot und Korn über die Brüstung gegeifert haben.
Eine kernige Predigt gehört sich von oben herab. Deshalb sind die Fässer für die Kanzelprediger immer oben. Eine Predigt mit Blick über die Häupter bis in die Dekolletés der Gemeinde hinein soll das Gemüt erregen. (Die Behauptung, dass seit der Einführung des Zölibats, Kanzeln Erregungen eher verbergen, ist frei erfunden!) Predigt wie Büttenrede können also aus identischen Behältern heraus gehalten werden.
In Bayern gibt es in der Fastenzeit traditionell Starkbieranstiche und da sollen Fastenprediger in Starkbierkanzeln den Anwesenden die Leviten lesen. Entgegen der bayerischen Tradition werden aber die Angesprochenen immer mehr zu arm leuchtenden Galionsfiguren, die keine Predigt mehr vertragen. Die erwarten beim Anblick einer Kanzel eine Einfaltspinsel-taugliche Büttenrede! Das Gesagte soll schließlich ihrem Niveau und dem der Talkshow-Gemeinde gerecht werden!
Die Fernseh-Politiker haben passend zu ihren politischen Leistungen ihren ganzjährigen Fastnachtshorizont dermaßen verinnerlicht, dass sie demnächst die Ansicht vertreten werden, auch das Angelusgebet des Papstes in Rom sollte mit mehr Comedy vorgetragen und nach jedem zweiten Satz durch einen Faschingstusch der sixtinischen Kapelle unterbrochen werden.
Auch die Fastenpredigt des Bruder Barnabas auf dem Münchner Nockherberg braucht unbedingt mehr Lustigkeit. Die Politiker müssen da so darüber lachen können, dass sie es anderntags in den Medien nicht mehr zurücknehmen brauchen. Staatskanzlei und Ministerien sollten die Rede mit verfassen. Vom Ministerpräsidenten bis hinab zur Toilettenaufsicht darf jede Abteilung beliebige Passagen durch eigene Wunschtexte ersetzen.
Für die Figur des Barnabas braucht’s dann natürlich Charakterdarsteller, zum Beispiel die Wildecker Scherzbuben, den Media-Markt-Mario-Barth, Florian Silbersteiß, Hansi Hinternseher, „de kölsche Jeck“ oder so was. Überhaupt sollte sich der Münchner Nockherberg mehr an „Mainz bleibt Mainz“ orientieren. Da täten sich unsere Konfetti-Politiker leichter mit der Verdauung und müssten sich hernach nicht tagelang aus den Zeitungen heraus erbrechen. Probleme hin, Probleme her, auch in der vorösterlichen Bußzeit muss die Gaudi im Vordergrund stehen – „Gaudi first!“
Lasset uns beten mit dem Politiker-Credo unserer Tage: „Herr verschone uns vor Einsicht, Wahrheit und Fastenpredigern, sende uns Fastnachtsprediger. Wir bitten dich, erhöre uns!“

