(Aus der Kolumne "Was ich so denk" , für die Oberpfälzer Tageszeitungen „Der neue Tag“," Amberger Zeitung“ und „Sulzbach-Rosenberger Zeitung“)
Schon unsere närrischen Vorfahren, also die Narren, die vor uns gelebt haben, bildeten sich ein: Der Winter muss vertrieben werden! Diverseste Verrücktheiten und Freiluft-Mumpitz im ersten Quartal des Jahres heißen daher mancherorts noch Winteraustreiben. Je nachdem in welchem verwinterten Winkel der verfrorene Vorfahre gerade von Schnee und Eis die Schnauze voll hatte, rottete er sich an bestimmten Tagen unverfroren zu einer Antiwinterdemo zusammen. Vermummt und verfratzt, früher sogar noch verlaust und verwanzt, sprang das Volk schon zu allen Zeiten wie im Endstadium einer Pilzvergiftung wild herum. Bereits in uralten Überlieferungen gipfelte die Tanz- und Schreiorgie in einem Umzug, der den Winter zum Abzug bewegen sollte. Den Winter ließ das kalt. Trotz Jahrhunderte langem Gehopse und Gelärme mit Schweinsbladern, Kuhglocken, Karfreitagsratschen, Goaßlschnalzern, Schellenbäumen, Maultrommeln, Drehleiern, Odelschöpfern, böhmischen Nashornfanfaren, Gedudelsäcken und was weiß der Geißbock noch alles, ist es unseren durchgedrehten Vorfahren nicht gelungen, den Winter zum Abgang zu bewegen. Erst das Industriezeitalter konnte ihn dafür erwärmen. Endlich gelang es gegen den Winter anzustinken. Statt mit dem inhaltslosem Geklapper der alten Narren, haben wir dem Winter mit ölbetriebenem Krach über Jahrzehnte richtig Gas gegeben und ihn ausgetrieben. So beseitigt man unliebsame Jahreszeiten! Zeitgenössische Narretei, das ganze Jahr über konsequent durch gesponnen,
brach dem Winter das Genick. Das Winteraustreiben ist kein zahnloser Tiger mehr wie zu Zeiten der Narren vor uns. Man muss den Tiger durch den Tank jagen und dann durch den Auspuff heraus lassen. Das gibt dem Vieh einen noch nie da gewesenen Biss, der dem Winter das weiße Fell grün werden lässt. Erst der Ganzjahres-Narrenumzug auf unseren Straßen, gesponsert von den Öl statt Konfetti verschleudernden Oberschluckern DaimlerChrysler, BMW, Audi, VW usw., gab dem Winteraustreiben die Highspeed, so dass jetzt die Herbstastern schon im „Winter austreiben“. Sogar stillgelegte Gehirnflächen der bayerischen CSU versuchen jetzt noch Grün anzusetzen. „Mit der Zeit blüht der Hackstock!“ Vielleicht wachsen sich die Hackstockblüten ja noch etwas aus. Zeit wär’s schon. Sonst wird aus Winteraustreiben wohl endgültig Winterausbleiben.



