Kleinhirn statt Großhirn
(Aus der Kolumne "Was ich so denk" , für die Oberpfälzer Tageszeitungen „Der neue Tag“," Amberger Zeitung“ und „Sulzbach-Rosenberger Zeitung“)
Nützt das Gehirn dem Menschen auch wenn er es nicht benützt? Eine gehirnerschütternde Frage! Und trotzdem: Das ist ja gerade die schönste Eigenschaft des menschlichen Gehirns, dass es sich selbst in Frage stellen kann, dass es sich selbst fragen kann, wozu es denn überhaupt da ist. Fängt ein Gehirn an, sich selbst zu fragen, dann ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass es da ist. Die vermutlich einzige Möglichkeit, sein Gehirn wahrzunehmen, denn für gewöhnlich bekommt man es nicht zu Gesicht. Es gibt viele glückliche Menschen, die ihre Glücklichkeit der Tatsache verdanken, dass ihnen ihr Gehirn keine Fragen stellt. Was soll man sich auch selbst noch was fragen? Es reicht schon, wenn von außen ständig blöde Fragen kommen, auf die man keine Antwort weiß. Ein typisches Beispiel für einen Mangel an Gebrauch des Gehirns ist es, wenn Redner oder Schreiber irgendwelche Zitate hervorkramen, um damit die eigene Einfallslosigkeit zu überspachteln.
Albert Einstein soll ja gesagt haben (Ziat): „Wir nutzen nur fünf bis zehn Prozent unserer intellektuellen Fähigkeiten.“ Nach Einstein ist also das Gehirn für sich allein viel intelligenter als derjenige, der es mit sich herumträgt. Der Gehirnträger kann aber noch so dumm sein, trotzdem nützt ihm sein Gehirn. Das Kleinhirn hält seine eigene kleine Welt am Laufen, ohne dass er selber denken muss. Gekümmert wird sich um alles, was innerhalb der eigenen Körperhaut abläuft, was darüber hinausgeht, ist dem Kleinhirn herzlich wurscht. Das Großhirn, das – wie der Name sagt – großer Gedanken fähig wäre, liegt zusammen gewurschtelt und ungenutzt obendrauf wie nicht aufgegangener Hefeteig. Es ist vom Träger darauf abgerichtet, das Schädeldach als geistigen Horizont abzustützen. Über den eigenen Wurschtkessel hinaus gerichtetes vernetztes Denken kommt vor lauter hausgemachtem Wurscht-Sud nicht zustande. Zur Stabilisierung der Horizonte gibt es in Deutschland viele kleine Einheiten: Gemeinden, Strick-und Häkelvereine, Landkreise, Kaffeekränzchen, kreisfreie Städte, Ferkelerzeugerringe, Bezirke, Skatclubs und 16 Bundesländer, die zum Teil die Größe einer afrikanischen Nashornfarm erreichen. Mit dem Denken sollte man spätestens in der Schule anfangen. Deshalb hat auch jedes Bundesland sein eigenes Schulsystemlein. Hier sorgt die Kleinhirnsteuerung für individuelle Kostbarkeiten. Die zu erhalten, bedarf es manchmal jahrelanger Debatten, die in einer so genannten Föderalismusreform ihre oberbürokratische Sumpfblüte finden.
„Alles fließt“. Um das zu verhindern, muss man dort den Beton hinein gießen, wo der Staat nachwächst: In der Schule. Kleingeist statt Großgeist! „Berlin, Berlin, was wollt ihr in Berlin?“




