(Aus der Kolumne "Was ich so denk" , für die Oberpfälzer Tageszeitungen „Der neue Tag“," Amberger Zeitung“ und „Sulzbach-Rosenberger Zeitung“)
Nerven braucht man schon, wenn man heutzutage lebt. Gut gesagt, denn die meisten von uns, das heißt eigentlich alle, leben ja heutzutage. Wann auch sonst? Überwiegend zeitversetzt läuft unsere Leberei nebeneinander her und eine gewisse Zeit haben wir miteinander das Vergnügen oder Missvergnügen, je nachdem wie sehr einem der Zeitgenosse auf die Nerven geht.
Die eingangs strapazierten Nerven haben andere, die heute nichts mehr brauchen, weil sie nicht mehr leben, zu ihrer Zeit auch schon gebraucht. Fragt sich nur, ob die vor uns dahin gefahrenen Vorfahren ihre Nerven auch so perfektionismusbesoffen in der vermeintlichen Kontrolle über die Zukunft versemmelt haben. Die alte KGB-Bauernregel „Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser“ ist das heutige Credo für ein perfekt durchgestyltes Schicksal. Nach vorausgehenden irdischen Berechnungen, werden kleine Menschlein nach dem neuesten Stand der Technik und wenn es sein muss unter Verrenkungen gezeugt.
Am Beispiel des schiefen Turms von Pisa glaubt die Menschheit, erkannt zu haben, wie schief es gehen kann, wenn man nicht gleich vom Fundament her radikal eingreift. Daraus hat sich die PISA-Studie entwickelt. Ein immer wilder rotierender Bildungsstrudel saugt unseren High-Tech Nachwuchs in seinen mit Wissen voll gestopften Weltanschauungsschlauch hinein, um ihn, da hindurch gewürgt, als sozial gefriergetrockneten „Bachelor“ oder „Master of irgendwas“ in die reale Welt hinein zu spotzen. Auf dem Weg dahin verschrumpelt das voll Bewegungsdrang auf die Welt gekommene Menschlein zur haltungsgeschädigten Stubenassel und sitzt sich über theoretischen Weisheiten bis in die sinkende Nacht hinein den Steiß wund.
Für die Wahrnehmung anderer Menschen, die früher beispielsweise über Räuber- und Gendarmspiele auf der Straße stattfand, bleibt keine Zeit. Ersatzweise werden in kurzen Lernverschnaufpausen ein paar Moorhühner oder Aliens mit der Play Station erschossen. Soviel zum Sozialverhalten. Mit drei Jahren Richtung Diplom ins Rennen gehetzt, programmiert der Wissensstaubsauger sich so ein hirngespenstisches Weltbild zusammen. Der potente Vielwisser ist sozial gesehen impotent statt kompetent. Niveaulos ausgedrückt: Viel zu wissen macht nicht dagegen gefeit, unterm Strich ein menschlicher Depp zu sein. „Das Außerordentliche geschieht nicht auf glattem gewöhnlichem Wege“ sagt Goethe. Da liegen wir mit unserer perfektionistischen Frühverplanung der menschlichen Lebenswege doch perfekt – daneben!



