(Aus der Kolumne "Was ich so denk" , für die Oberpfälzer Tageszeitungen „Der neue Tag“," Amberger Zeitung“ und „Sulzbach-Rosenberger Zeitung“)
Donnerstag (Weiberfastnacht): Bis auf gelegentliche Selbstzweifel („Wie konntest du dir das antun, du dusslige Kuh?“) läufts als Prinzessin soweit. Der Fummel, den sie mir verpasst haben, war zwar schweinsteuer, ist aber so unpraktisch wie eine LKW-Plane. Vor allem der rückwärtige Schlitz bis zur Unterkante Gesäßfalte, der auf dem erotischen Misthaufen des Präsidenten gewachsen sein dürfte, gibt mir ständig das Gefühl, als würde mir jemand dabei zusehen, wie ich in die Badewanne steige. Heute ungefähr 70 Krawatten abgeschnitten. Die angeblich angeborene Kastrationsangst des Mannes spürte ich bloß bei den Seidenkrawatten. Ansonsten reckten sie mir ihre Dinger bereitwillig entgegen.
Faschingsfreitag: Seit sechs Uhr Aufsteh-Versuche. Dass ich das letzte halbe Jahr für mehrere hundert Euro im Solarium verbracht habe, sehe ich erst nach zwei Aspirin, drei Tassen Kaffee und der siebten Zigarette allmählich wieder durchschimmern. Wir klappern jede Menge Firmen und Geschäfte ab, verschütten Sekt auf Kosten des Hauses und jeder vom Hilfshausmeister bis zum Alzheimer befallenen Seniorchef glaubt, mir seinen feuchten Gesichtsrüssel unter die Nase reiben zu müssen. Der Präsident sagt, das muss sein, bringt Geld, schließlich haben wir gehörig Schulden wegen der Kostüme.
Dabei hat das Kostüm eines Gardemädchens zusammengerechnet höchstens die Fläche eines Waschlappens. Die armen Weiber behelfen sich mit hautfarbenen Bodys, um zumindest im Bereich des auslaufenden Unterleibs etwas gegen Spritzwasser geschützt zu sein. Versuche, den Geruch der Fremdspeichel-Make-up-Mischung in meinem Gesicht mit Jägermeister abzutöten. Das einzige, das er tötet bin schließlich ich.
Faschingssamstag: Kam wie in einer Gruft zu mir und fühle mich heute als hätte ich mit einem Dutzend Kater übernachtet. Überspachtle das Profil, das der Fasching wie ein Winterreifen in meinem Gesicht hinterlässt, mit frostsicherer Schminke. Schleim abgehustet und ein Zigarillo inhaliert. Meine Zigaretten hat der Prinz mit seiner eifersüchtigen Tschechin weggepafft.
Fünfmal eiskalter Bus und fünf heiße Ballsäle mit schweißgeschwängerter Atemluft liegen vor mir. Ansprachen – der Prinz hat ein Redetalent wie ein Kälbersauger und nuschelt als hätte er denselben hinterm Gaumensegel. Der Präsident übergibt sich vor der Abfahrt und im Lauf des Abends 137 Orden. Alle anderen Ballbesucher haben schon einen. Zwei Kerle lehnen den Orden ab, wir bekommen das Geld so und ich brauche die beiden auch nicht küssen. Schade – da war der einzige Gutaussehende darunter. Morgen Faschingszug. Saukälte. Die Mädels tun mir leid.
Am Rosenmontag besuchen wir die Arztpraxen. Hoffentlich ist eine urologische dabei und der Arzt kann sich gleich die Blasen mit anschau’n. Bei mir stimmt’s auch nicht mehr, vor allem beim Husten. Kein Wunder, es zieht ja ständig. Scheiß Fummel! Helau!
Norbert Neugirg als alternde Faschingsprinzessin
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