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oder „Der Schwager Hans“ – eine weihnachtliche Beinah-Tragödie

Im Ofen liegt die Weihnachtsgans
und davor liegt Schwager Hans,
ganz in sich versunken,
der Schwager ist betrunken.

Es ist der erste Weihnachtstag
und wer zu Mittag Gansfleisch mag
vom verwandten Lager,
hat sich angesagt beim Schwager.

Das hat der Schwager unterdessen,
indes er einschlief längst vergessen,
stieß er doch beim Zubereiten
der Gans auf ein paar Köstlichkeiten,
wie Kräuterschnaps und solche Sachen,
die alten Säufern Freude machen.

Soll wegen ein paar Kümmerlingen
nun die ganze Gans misslingen?
Ein Aufguss täte dringend Not,
doch der Schwager schläft wie tot.

Gleich, in einer halben Stunde,
kommt die Gänsetafelrunde.
Wenn die Gans doch einen fahren ließe,
damit er aus dem Schlaf hoch stieße!

Der blöden Gans, tief braun gebrannt,
jedoch ist’s wurscht und unbekannt,
wem der Schwager sie serviert
oder ob sie explodiert.

Dabei hat alles so gut angefangen:
Die Gans ist sofort mitgegangen,
nachdem der Schwager kurz zuvor
sie zum Schlachten auserkor.

Die dumme Gans nahm doch glatt an,
sie käme jetzt zum Gänsemann
und merkte erst beim Messerstich:
Das ist nicht der Gänserich!

Sie starb an jenem Stich ins Hirn –
jeder kann sich einmal irr’n.

Man rupfte sie, die Gänsehaut
blieb stachelig und aufgeraut,
denn viele Kiele ums Verrecken
saßen fest und blieben stecken.

Die Lötlampe, aufs Vieh gerichtet,
hat versengt und heiß vernichtet,
was beim Rupfen mit der Hand
an gelben Stoppeln widerstand.

Noch ein Mal hat der Steiß gewackelt,
und dann war sie abgefackelt.

So kam die Gans um Kopf und Kragen,
Leber, Niere, Milz und Magen,
und um den letzten Federstumpf
an ihrem kahlen Gänserumpf,
inklusive Gansgeschling,
das innen in der Gans drinhing.

Den Sack mit der Organentnahme,
die ausgehöhlte Gänsedame
und dazu den Gänsekragen
fuhr der Schwager heim im Wagen.

Er fror fürs erste alles ein,
denn er wollte sicher sein,
dass die Gans auch ganz bestimmt
tot ist und sich so benimmt.

Gerissen aus der Tiefkühlgruft,
bekam das Vieh erst wieder Luft
und zur Sicherheit noch einen Schlag
an Heiligabend Vormittag.

Eingehüllt in eine Schürze
schob der Schwager die Gewürze
von unten in die nunmehr weiche
aufgetaute Gänseleiche.

Morgen muss sie fertig sein,
von hinten drang er in sie ein
und rieb ihr mittels seiner Hände
Salz und Pfeffer in die Wände.

Mit Beifuß innen ausgestrichen
ist der Mief vom Darm gewichen
und die Gans, die vorher roch,
duftet jetzt aus jedem Loch.

Der Schwager füllte sie mit Brei
aus Semmeln, Ei und Innerei
und hat – durch den Wolf gedreht –
die Pampe in die Gans genäht.

Zur gefüllten Leibeshöhlung
gab er ihr die letzte Ölung,
salbte sie mit sanftem Klaps
mit Kräutern und mit Kräuterschnaps,
den nur der Schwager zu sich nahm,
weil die Gans ja nicht mehr zu sich kam.

So wärmte er die Gans im Rohr
und sich selber schon mal vor,
schnitt Blaukraut und das Drumherum
und stieg danach auf Obstler um,
den er im Einwecktopf entdeckte,
wo ihn die Frau vor ihm versteckte.

Damit hat Schwager Hans die Nacht
vorm vorgewärmten Rohr verbracht
und jetzt geht’s schon aufs Mittagläuten,
die Gans beginnt sich braun zu häuten.

Die Verwandtschaft auf den Stufen
scharrt vorm Haus schon mit den Hufen,
das dringt an des Schwagers Ohr,
der noch döst vorm heißen Rohr.

Für die Gans – im Schritt genäht –
wär’s im Moment noch nicht zu spät.
Zwar hat sie schon geraume Zeit
ein Defizit an Feuchtigkeit,
doch Füllung und diverse Reste,
die der Schwager in sie presste,
können noch die Hitze lindern
und die Explosion verhindern.

Weil eine Gans mit Qualm vermischt
als schwarzer Klumpen aufgetischt,
bei Gästen, gleich wie abgebrüht,
wenig Freude nach sich zieht,
ist Schwager, der vornüber hing,
trotz Obstler und trotz Kümmerling,
bevor die Gans zum schwarzen Ding
verkohlte und hinüber ging,
Gott sei Dank, wenn auch benommen,
zur rechten Zeit zu sich gekommen
und hat mit einem Wasserschwall
die Gans vor dem Zusammenfall
gerettet und dann unerschüttert
ans verwandte Volk verfüttert.

Die Gans war völlig ungefährlich
und so köstlich wie alljährlich,
im wahrsten Sinne ofenfrisch
und mundete am ganzen Tisch.

Jeder war des Lobes voll:
Niemandem gelingt so toll
auf der Welt die Weihnachtsgans
wie dem braven Schwager Hans.

Ich gab ihm dann bevor ich ging
wieder frischen Kümmerling
und Obstler, den die Schwägerin
verstecken wird im Wecktopf drin.

Er versprach mir, ihn zu testen
und aufs Jahr mit seinen Resten
wieder eine Gans zu machen,
in sich ruhend zu bewachen,
so dass er auf den Glockenschlag,
so wie man sein Gänschen mag,
es aufs Sekündchen fertig bringt,
was ihm nur mit Schnaps gelingt.

Folglich bin ich indirekt
der, der da dahinter steckt,
dass des Schwagers Gans so schmeckt,
füll’ ich ihm doch mit Schnaps das Lager,
denn ich bin vom Hans der Schwager.

Diese Geschichte ist eine von vielen, die in dem Buch "Was ich so denk" abgedruckt sind.

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