Weltmeistersaft
(Aus der Kolumne "Was ich so denk" , für die Oberpfälzer Tageszeitungen „Der neue Tag“," Amberger Zeitung“ und „Sulzbach-Rosenberger Zeitung“)
Beckenbauer ist bekannt dafür, dass sich sein Saft nicht aufhalten lässt. Also ist von Kaisers Gnaden wieder mal was Fleisch geworden und Deutschland schmort seit gestern endlich im lang herbei gesabberten Fett der Fußballweltmeisterschaft.
Unter dem Motto „Das Geld vom Gast bringt Freuden“ oder so ähnlich haben die Fifa-Heizspiralen über Monate das Bratrohr für das noch auszunehmende Fußballvieh vorgeheizt. In den deutschen Farben wütende Landstreicher überschlagen sich darin, den Schlachtenbummlern das Fell schwarz-rot-gold einzufärben, um es ihnen so über die Ohren ziehen zu können. Die Fanartikelindustrie, zu deutsch „Mehrdschndaising“, spotzt jeden Tag neue deutschkarierte WM-Designer-Geisteskrankheiten heraus und produziert so hinreißend gestreifte Rudel wie die Wildsau Frischlinge.
Aus jedem Saftladen trieft der Weltmeistersaft. Bis (vielleicht) auf die Tierkörperverwertungsanstalten dürften so ziemlich alle irgendein WM-Ei ausgelegt haben. Eine Viecherei! Die Münchner Oktoberfest-Trachtenschneider haben gleich ein Weltmeisterschafts-Dirndl mit eingenähten Bällen, gesticktem Strafraum, verdecktem Elfer und einer Torwandbluse entworfen. Es gibt Steißbänder, Stützstrümpfe, Gebisshaftcreme, Abführtabletten, Hornhauthobel, Brechreiztüten usw. in den Nationalfarben. Für fußballbegeisterte Katholiken hat eine große amerikanische Brauerei hinsichtlich der bevorstehenden Fronleichnamsprozessionen Messgewänder, Birken, Ministrantenbaströckchen, Himmel, Prozessionsfahnen, Altardecken, Weihwasserbürsten und Monstranzen in Schwarz-Rot-Gold mit Bierwerbung patentieren lassen. In Deutschlandfahnen gewickelte, nackte Lebendmadonnen werden dabei schwarz-rot-goldene Tomaten auswerfen.
Der Verband „Waagrechte Gefälligkeiten - Sektion Berlin und angeforderte Ostimporte“ gewährt für jedes gewonnene Spiel unter deutscher Beteiligung gegen Vorlage der Eintrittskarte Sonderrabatte. Der Renner in den Wirtshäusern, die an die Fifa ihr Schutzgeld entrichten, ist das WM-2006-Schnitzel mit Deutschland-Beilagen: Pommes frites, Ketchup und Torfmull. Nachdem es der Fifa nicht gelang, die deutsche Trikolore schützen zu lassen, wird das billige Schwarz-Rot-Gold wohl vor keinem Körperteil Halt machen. Also: Was den Saft drum herum anbelangt, sind die Deutschen längst auf dem Weg zum Weltmeister. Nur die Amerikaner sind noch besser im kommerziellen Entsaften des Kerns einer Sache. Die Fußballkünste dort sind entsprechend. Wenn das mal kein Zeichen ist. „Die Meisterschaft schafft der am meisten schafft“ oder „Das Glück ist ein Rindvieh und sucht seinesgleichen“? In vier Wochen ist der Saft abgelaufen, doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Deutsch - land, Deutsch - land, Deutsch - land...




