(Aus der Kolumne "Was ich so denk" , für die Oberpfälzer Tageszeitungen „Der neue Tag“," Amberger Zeitung“ und „Sulzbach-Rosenberger Zeitung“)
Wirtshäuser sind Aushängeschilder der Gegend, in der sie herumstehen und deshalb hängen auch aus Wirtshäusern Schilder heraus, die dem Gast einen Eindruck der regionaltypischen Gastlichkeit vermitteln sollen: „Hier durchgehend tagsüber geschlossen – abends nicht unter 10 Personen geöffnet!“ - „Vorsicht Falschparker! Wirt hat Waffenschein!“ - „Keine Toilettenbenutzung ohne Verzehr!“ - „Ab 17 Uhr Nachtruhe! Hotelgäste hinten rum!“ - „Achtung! Ruhetag wechselt wöchentlich!“ – „Hier Currywurst mit Brot heute aus!“ - „Vorsicht bissiger Hund“.
Da der Hund in dem Wirtshaus verreckt ist, hat die Rolle des Hundes, vor dem gewarnt wird, die Wirtin oder eine ihr gleich gesinnte Bedienung übernommen. Der dazugehörige Wirt ist entweder gar nicht vorhanden oder er hat nur ganz selten Lust – und diese unbefriedigende Situation lässt sich die Wirtin gewaltig anmerken. Das freundliche „Grüß Gott“ des Eintretenden fällt im persilgrün gefliesten Gastraum auf keinen fruchtbaren Boden. In der Menschenleere der rotkreisig tapezierten Schankstube vernimmt der Gast aus einem streng nach Küche riechenden Seitenverschlag lediglich widerwilliges Gepolter und das Geräusch einer hingeschmissenen Fernseh-Fernbedienung. Ein massiver Bronchialhusten mit sich ankündigendem Auswurf kündigt die Erscheinung der Wirtin - die ihrem großkalibrig karierten Kittel nach auch eine versprengte polnische Stalldirn aus den letzten Kriegswirren sein könnte - überdeutlich vernehmbar an.
Der Ankömmling ist erschüttert. Er bedauert für einen Augenblick die arme bakteriell Belastete, die nun betont entkräftet aus der geheimnisvollen Geruchsursache, welche den Verdacht einer Küche erregt, heraus schlurft. Als die Ansammlung von Abwehrgeräuschen jedoch in ihrem augenscheinlich vor mehreren Monden zuletzt gereinigten Soßenmusterkittel leibhaftig wird, schlägt das Mitleid des Gastes in blankes Entsetzen um.
Als Willkommensgruß presst die tollkirschensauer Anmutende ein scharfes „I bin fei alloi!“ durch ihr zischendes Gebiss und das ist unzweifelhaft keine Aufforderung, mit ihr was anzufangen. Es heißt vielmehr sinngemäß, dass sie alleine sei und man solle sich tunlichst davor hüten, sie durch unverschämte Bestellungen zu überlasten. Das sie umgebende Flair der fliegenden Hitze erleichtert die Entscheidung und man lässt sich besser ein Getränk in der Flasche bringen. Das lässt sie gerade noch durchgehen, wobei sich ihre Miene nicht erhellt, als sie die Flasche auf die leicht ranzig riechende Resopaltischplatte haut.
Der Wunsch nach etwas Essbarem verflüchtigt sich mit zunehmender Wahrnehmung der Umgebung: PVC-Speiseplan mit einlaminierten Pressackresten, Vorhangstange Modell 1976 Goldmessing-Großring, ungespülte Porzellanflohmarktstapel mit keinen identischen Teilen, Baumarkt-Bauernstrahler Marke Enzian hell und herrliche Kunststofffensterrahmen mit Latschenkiefermaserung lassen einen fürchterlichen Rückschluss auf die Zubereitungspraktiken der Küche zu.
Aus Angst, die Unwirsche noch mehr zu erzürnen, verzichtet man auf weitere Bestellungen und gibt beim Zahlen völlig grundlos ein Trinkgeld. Man verlässt den Ort der Unbefriedigten durch das Aluminium-Rolltor der historischen Hofeinfahrt, nicht ohne zum Abschied über die starre, bierkastenhohe Schwelle der Plexiglas-Personentür zu fliegen. Im Liegen tut sich über die liebevoll geteerte Einfahrt noch einmal ein letzter Blick auf den gewaltig geschnitzten Dolomiten-Wintergarten auf, der diesem einfachen Wirtshaus das gewisse Etwas gibt – genauso wie das zum Abschied grüßende Türschild: Herzlich willkommen!



