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(Aus der Kolumne "Was ich so denk". Erschienen am 19.06.2010 in den Tageszeitungen „Amberger Zeitung“, „Sulzbach-Rosenberger Zeitung“ und „Der neue Tag“)

Fußball ist nach der Paarung die zweitwichtigste menschliche Angelegenheit. Ist die deutsche Nationalmannschaft außer Landes, dann ist das Volk aus dem Häuschen. Bei der Paarung weniger. Das ist mehr ein inhäusiger Vorgang. Auch Public Viewing, zu deutsch „öffentliche Besichtigung“, ist mehr im Fußball statt beim Paarungsakt die Gepflogenheit. Bei Public Viewing werden Bildschirme oder Leinwände an Wirtshausfensterläden, Holunderstauden, Holzstöße, Hasenställe, Baugerüste oder in Seitengassen und Hinterhöfe usw. genagelt.

Darauf spielt dann die deutsche Nationalmannschaft. Über das, was dabei heraus kommt, kann man bei Public Viewing im Rudel jubeln oder jaulen. Je nachdem, inwieweit Günter Netzer, die Inge Meysel des deutschen Fußballs, mit seinen Nostradamus-Thesen wieder mal richtig oder daneben lag.

Ungefähr ein Dreivierteljahr vor dem Anpfiff des ersten Deutschlandspiels beginnen sich nationalbewusste Volksschichten spiralförmig in eine schwarz-rot-goldene Ekstase hinein zu hysterisieren, die seinesgleichen sucht und das geht in etwa so:

Drei zufällig in der Farbfolge schwarz, rot und gelb an einem Mülltonnengriff zum Trocknen aufgehängte Socken lösen im gesamten Straßenzug eine Schwarz-Rot-Gold-Pandemie aus. Zwei Stunden später ziert eine circa drei Kilometer lange Säulenallee abfuhrbereiter Mülltonnen mit Deutschland-Umwicklungen in allen Variationen die Straße. Die restlichen Einwohner der Kleinstadt greifen die Idee, sich über Müllgefäße mit der deutschen Mannschaft zu solidarisieren, begeistert auf. Ihr Enthusiasmus wächst aber dann über den Müll hinaus. Deutschlandfarbene Girlanden verbinden die Mülltonnen untereinander und umkränzen Garageneinfahrten.

Die in einschlägigen Kreisen bekannte Alleinerziehende Elvira O. lässt das rote Lampenensemble im Fenster ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung um Schwarz- und Gelblicht erweitern. Das verleiht den zahlreichen männlichen Besuchern das Gefühl, mit Betreten des Appartements in gewisser Hinsicht auch eine nationale Aufgabe zu erfüllen. Unter Ausschöpfung sämtlicher Hartz-IV-Mittel hat die Sozialwohnungsgemeinschaft in den Becksbier-Blöcken einen schwarz-rot-goldenen Anstrich aller Hausfassaden um die Grillplätze herum durchgesetzt. Das Sozialamt hat pro Wohneinheit auch je ein Grillset in den deutschen Nationalfarben bewilligt.

Die Autolackiererei Rostmeier bietet nebst Fahrzeug- und Fahrerlackierungen auch blickdichte Frontscheibenfolien in Schwarz-Rot-Gold an. Die Autowerkstatt Gwindreißer kontert mit national gefärbtem Motorenöl und dreifarbigen Rußpartikelfiltern. Dem Landwirt Josef J. ist es gelungen, seine Gülle in eine schwarze und gelbe Flüssigkeit aufzuspalten. Das fehlende Rot bringt er in einem zweiten Arbeitsgang auf den Feldern aus. Es ist ein Abfallprodukt der Autolackiererei Rostmeier, die sich über die kostengünstige Entsorgung freut. Die schwarz-rot-goldene Felddekoration von Landwirt J. berauscht beim Anblick und beim Einatmen.

Die Besitzer kleinerer Flächen haben stattdessen eine Fahne. Auf dem Autodach, auf der Schädeldecke, in der Bikinizone, auf dem Weihwasserkessel, auf dem Fußabstreifer, auf der Hausschildkröte usw., kurz: Deutschland ist auf dem Weg ins schwarz-rot-goldene Delirium. Aber: Gegen die afrikanische Vuvuzela-Hornissen-Fanfare ist der deutsche Fahnenrausch eine Wohltat für die Seele.

Vermutlich ist die Vuvuzela Afrikas Antwort auf Günter Netzer. Wie dem auch sei: Es lebe der vuvuzelafreie deutsche Schwarz-Rot-Gold-Rausch!