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Artikel aus der » Frankenpost vom 29.10.2007

Von Roland Rischawy

NORBERT NEUGIRG -
Ein schrilles Gespräch mit dem Kommandanten und Vordenker der berüchtigten "Altneihauser Feierwehrkapell'n"

Hof – Er ist der Chef eines merkwürdigen Ensembles, dessen Name und Treiben seit zwei spektakulären Auftritten in der Fernsehsendung „Fastnacht in Franken“ einem Millionenpublikum geläufig ist. Wir gaben Norbert Neugirg, Anführer der „Altneihauser Feierwehrkapell'n“, des „schlampigsten Exportartikels“ des Oberpfälzer Waldes, nach einem umjubelten Auftritt in Konradsreuth bei Hof Gelegenheit, seine Gedanken erstmals in seiner Karriere vor richtig intelligentem Publikum, vor den Lesern der Frankenpost, auszubreiten.

Herr Neugirg, Sie sind neulich mit Ihrem Blech-Haufen in der schönen Industriegemeinde Konradsreuth in Bayern ganz oben aufgetreten und sollen dort – wie so oft – nichts als verbrannte Erde hinterlassen haben. Kein schlechtes Gewissen?

Ich habe zwar weder eine „Industrie“ noch jemanden aus der „Gemeinde“ was arbeiten sehen, aber wenn Sie mit „Industriegemeinde“ die Hofer Randkolchose Konradsreuth meinen, dann ist Ihre Frage zumindest im ersten Halbsatz richtig. Zum verbrannten Rest Ihrer krokanten Frage: In Konradsreuth stand doch vorher schon kein Halm mehr auf dem anderen und der Weiler verdankt allein dem Ahornberger Bier, dass er überhaupt noch wahrgenommen wird. Übrigens haben wir keine „verbrannte Erde“ sondern eine „fast davongerannte Herde“ hinterlassen. Die Leute standen nämlich schon alle, als wir durch den Saal auszogen, weil sie raus wollten. Wir übrigens auch.

Wir zitieren für all jene Glücklichen, die die Konradsreuth-Tragödie nicht miterleben mussten, aus Ihrem Programm: „In Konradsreuth, da lebt sich's klasse, dank einer Weberleichenkasse. Und hat einer einen Hau, ist's nicht weit bis nach Rehau.“ Springen Sie auch mit dem etwas einfacher strukturierten Oberpfälzer Publikum so um?

Der Oberpfälzer ist so hochkomplex, dass der einfache fränkische Gehirnrechen dies nicht erfassen kann. Dem Franken geht daher das meiste durch die Hirnlappen und er stuft alles, was ihm über den Geist geht, als „einfach struk-turiert“ ein. Das oberpfälzische Publikum ist noch nicht mal einfach, geschweige den strukturiert. Aber um den Franken das zu erklären, würden alle bisher erschienenen Ausgaben der Frankenpost nicht ausreichen. Daher mein Tipp: Besuchen Sie Windischeschenbacher und Neuhauser Zoiglbier-Stuben und erleben Sie, was die Oberpfälzer für ihre Psyche tun, um nicht so wie die Franken zu werden.

Bei Ihrem Auftritt in Konradsreuth – dem ersten vor seriösem Publikum in Ihrer 22-jährigen Löschtrupp-Laufbahn – haben Sie einen unbescholtenen, hoch angesehenen und fast schon überirdisch-intelligenten Künstler mit in den Sumpf gezogen, den Hofer „Gerch“-Autor Gert Böhm. Hat sich der „Gerch“ schon von dem Schock erholt. Redet er noch mit Ihnen und Ihren Adlaten?

Ich weiß nicht, in welcher Vorstellung Sie waren. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, vor „nervösem“ Publikum aufgetreten zu sein. Was den Gert Böhm betrifft, so zählt er zu den wenigen Franken, die ich als angenehm empfunden habe. Hinter der Bühne hielt der nämlich seinen Rand und gab sich mehr dem Denken hin, was ja nicht gerade eine fränkische Eigenart ist. Gert Böhm gilt nach Konradsreuth unsere tiefe Anteilnahme, sprich: Es ist uns wurscht! Hinsichtlich der Atlanten, mit denen er womöglich nicht mehr redet, habe ich Ihre Frage nicht verstanden.

Sie haben seit Ihrer Geburt nach eigenen Angaben folgende Seins-Phasen durchlebt: Kind, Schüler, Bürokaufmann, freiwilliger Dorffeuerwehrmann, Taxi-, Lkw- und Busfahrer, Wehrpflichtiger, Hofkehrer, Wagenschmierer, Reiseorganisator, Ehemann, Familienvater, Häuslebauer, Bleikristaller, Amateur-Trompetenlehrer und Porzelliner. 1985 mündete ihr bürgerlicher Zickzackkurs in die Gründung der „Altneihauser Feierwehrkapell'n“. Ist das der endgültige Tiefpunkt oder sehen Sie noch eine Steigerungsmöglichkeit?

Konradsreuth ist aus dem Aspekt der Tiefpunktigkeit heraus nicht mehr zu steigern. Die Stille in der Einflugschneise des Luftdrehkreuzes Hof-Plauen macht einen nachdenklich. „Was kommt noch?“ oder „Kommt noch was?“ Das sind Fragen, die Oberfranken und Oberpfälzer gleichermaßen auf der Hutschnur brennen. Für mich persönlich: Ja!

Wie wir hören, sind Ihre Mitstreiter nicht so tief gesunken wie Sie und üben allesamt noch einen ehrbaren Beruf aus. Freiwillig – oder gezwungenermaßen, weil sie sonst das Eintrittsgeld für ihre Auftritte nicht bezahlen können?

„Handwerk hat doppelten Boden!“, „Bestatter bleib' bei deinen Leichen!“ und so weiter. Unzählige Beispiele aus der Bibel mahnen uns, den Teppich flach zu halten. Unterhaltungskunst ist die Kunst, sich mit wenig Unterhalt zu halten. Seit sieben Jahren löse ich hauptamtlich analog zum Applaus ein spärliches Einkommen aus. Das setzt eine verdienende Frau voraus, derer ich mich gottlob bedienen darf. Den beruflichen Abstieg in die Gauklerei konnte ich meinen Altneihausern bisher ersparen. Wir zahlen außerdem seit Anfang diesen Jahres rigoros keinen Eintritt mehr für Veranstaltungen, in deren Verlauf wir selbst auftreten. Ohne Ausnahmen! Konradsreuth war die letzte – oder heißt es: das Letzte?

Sie ziehen in Ihren Texten Prominente und normale Menschen durch den Kakao, dass diese in keine Schuh- bzw. Hutschachtel mehr passen. In Veitshöchheim respektive im bayerischen Faschings-Fernsehen haben Sie sich vor allem an Lichtgestalten wie Stoiber und Huber vergriffen. Was wäre denn Ihr Lieblings-Ministerpräsident, wenn man Sie vor der Inthronisation Becksteins gefragt hätte?

Stoiber und Huber sind abgegriffen, sagen Sie? Aber Ihr fränkischer Artgenosse Beckstein ist auch kein frisch gekochter Lebkuchen mehr. Als Ministerpräsident muss mal etwas Junges her, Franz Beckenbauer zum Beispiel, der hat so was Mühlhiaslhaftes. Es muss auch nicht unbedingt ein Bayer sein, meinetwegen der Peter Scholl-L'amour oder so was, Hauptsache jung!

Herr Neugirg, ich muss mich wieder vernünftigen Tätigkeiten zuwenden, deswegen bitte nur noch kurze Antworten. Haben Sie Verwandte?

Mehr als mir lieb sind. Ein Kennzeichen meiner Dynastie ist die Freude an der Vermehrung.

Sind die alle normal?

Ja. Es sind keine Franken darunter.

? ? ! ? – Herr Neugirg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch in der Hoffnung, dass unsere geschätzten Leser neben den intelligenten Fragen auch die Antworten verstehen.

Ihr Blatt wird überwiegend von Franken gelesen, ja? – Dann wohl eher nein.